Die Kontermarken – Gegenstempel in Wismar 1619 - 1622

Ein Abriß Teil VII                       

Die Menge der geschlagenen Stücke sowie die gesamte Silbermasse war um die Wende des 16./17. Jahrhunderts ständig gestiegen. So sind für die Jahre 1580 bis zum Ende der Münzzeit von Lüdemann (1619) fast 8350 Kilogramm Silber und über 60 Kilogramm Gold vermünzt worden, wobei Michael Martens in den Jahren seiner Tätigkeit (Ende 1600 bis Ostern 1612) fast die Hälfte an Silber und über die Hälfte an Gold verprägte. Das meiste Silber, ebenfalls fast die Hälfte, wurde zu Talern geschlagen, wohl für Fernhandel und zum Einkauf neuen Silbers1. Wismar war ausschließlich auf den Erwerb des Münzsilbers angewiesen. An Kleingeld der überwiegend umlaufenden Scheidemünzen, waren die Doppelschillinge in Masse und Stückzahl am häufigsten vertreten. Diese Häufigkeit der Doppelschillinge trug mit dazu bei, dass in den "Heckenmünzen"2, aber auch bestallten Münzmeister, teils ohne, teils mit Wissen der Münzherrschaft der Münzbetrug grassierte. Angefangen von "Kippern und Wippern"3 welche die an Masse guten Stücke4, überwiegend waren es die Doppelschillinge, auswippten, um sie einzuschmelzen und neu, aber minderwertig auszuprägen. Daran waren neben den Heckenmünzern auch bestallte Münzmeister beteiligt, wie das Beispiel Lüdemann zeigt. Der Talerkurs stieg 1620, wegen der Verringerung von Rauh- und Feingewicht vor allem der Doppelschillinge, bis auf 48 Schillinge. Daher das Bestreben der Münzstände, die geringhaltigen und oft untergewichtigen Stücke aus dem Verkehr zu ziehen. Eine Möglich­keit war, die vollwertigen Münzen mit Kontermarken5 zu stempeln und nur diese zum Umlauf zuzulassen. Das wurde schon 1619, wenn auch nicht sehr erfolgreich, von Hamburg und Lübeck praktiziert. 1620/21 gab es verschiedene Vereinbarungen zwischen den Herzögen und Hansestädten, herzögliche Münzedikte bis bin zur "Renovierten Münzordnung" im Oktober 1621. In letzterer wurde vereinbart, dass der Gebrauch einzelner Doppelschillinge verboten sei, nur im Kurs zu 40 Schilling mecklenburgischer Währung nach Gewicht in Zahlung zu geben sei. Die Doppelschillinge sollten "probiert", dann von Spezial­wardeinen6 gegen gestempelt werden. Die Stempel sollten zentral hergestellt werden. Nur die Städte Rostock und Wismar, welche eine Münze hatten, durften ihre Gegenstempel selbst anfertigen. Für die Stadt Wismar war vorgegeben: Ein Stierkopf und ein W. Es gibt aber auch eine Reihe von Wismarer Gegenstempel mit dem Wappen von Wismar, nach dem Wortlaut des Lübecker Vertrages von 03.04.1620: "Jedes Ortes Wappen" 'als Stempelzeichen zu verwenden'7. Von den Wismarer Stempeln führt Dr. Mohr drei unterschiedliche Größen an. Da eine Reihe von Städten bzw. Münzherren an der Aktion beteiligt waren, findet man viele auswärtige Münzen mit den Wismarer Stempeln, aber auch eine Reihe von Wismarer Münzen mit fremden Stempeln vor. Dr. Mohr führt 67 Münzen von 18 Münzherrschaften mit Wismarer Stempeln und 44 Stempel von 13 Herrschaften auf Wismarer Münzen in seiner Liste an8. Dabei gibt es auch einige Münzen mit zwei und mehr Gegenstempeln. Einige Manipulationen der mecklenburgischen Herzöge führten ab 1622 zum Ende dieser Gegenstempelaktion. Zur "Kipper-Wipper-Zeit" und den Gegenstempelaktionen gibt es eine Reihe von selbstständigen Publikationen, bzw. Artikeln in größeren Arbeiten, die teils allgemeiner Art, teils auf bestimmte Orte zugeschnitten sind. Für Wismar besonders interessant sind:

1.) Dr. Michael Kunzel: Die Münzen der Hansestadt Wismar 1359 bis 1854; BNF Band 7; Wismar/Berlin 1998

2.) Dr. Rolf Mohr: Gegenstempelung der Doppelschillinge der Städte Rostock und Wismar während der Kipperzeit; Numismatisches Heft 41; Rostock / Schwerin 1987

1) Kunzel, Dr. M: Die Münzen der Hansestadt Wismar 1359 bis 1854; BNF Band 7; Wismar/Berlin 1998 S. 84 ff.

2) Eine nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen prägende Münzstätte, die meist gute Münzen einschmolzen und das Silber minderwertig ausmünzten. Bereits Ende des 16.Jh. bestanden z.B. in dem oberrheinischen Münzkreis neben den vier Kreismünz­stätten 20 Heckenmünzen. Die Kipper-Wipperzeit3 ist der Höhepunkt der Hecken­münzerei.

3) Krisen des deutschen Münzwesens: Ab 1620 die große, ab 1680 dann die kleine Kipper-Wipper-Zeit. Durch die rigorose Zerstörung der Heckenmünzen und Verbote des Umlaufs der Heckenmünzen-Stücke sowie Ausgabe besserer Münzen wurde die Lage zeitweilig stabilisiert. Das ging zu Lasten der Bevölkerung, denn die Betreiber der Heckenmünzen, oft legale Münzherrschaften, wie die Herren von Braunschweig, von Sachsen oder Österreich, um nur einige zu nennen, hatten mit Heckenmünzen Millionen Taler "erwirtschaftet".

4) Die Prägung der Scheidemünzen erfolgte "aI marco", das heißt aus einer Mark Silber wurde eine bestimmte Anzahl von Münzen geprägt. Man wog bei größeren Mengen daher das Münzpaket, um sich das mühsame Auszählen zu ersparen.

5) Kontermarken (auch contremarke) eine andere Bezeichnung für Gegenstempel: Kleine Stempel mit entsprechenden Symbolen. Mit ihnen wurde der Münzwert bestätigt, erhöht oder verringert, der Umlaufbereich eingeschränkt oder erweitert, neue Münzherren gekennzeichnet. Alle diese Münzen hatten meist eine kurze Gültigkeit, solange bis der Anlaß der Gegenstempelung beseitigt war.

6) Wardeine (verballhornt aus dem it. guardare = achtgeben) waren vom Münzherren beauftragte Kontrolleure der Münzmeister. Sie sollten den Schlagschatz berechnen, die Münzstempel bewahren um Falschmünzerei zu verhindern, sowie die Münzen in ihrer inneren Qualität (den Münzfuß = Verhältniss Rauh- zu Feingewicht) prüfen.

7) Dr. Mohr: Lit. -Angabe 2) Seite 37

8) -ebenda Seite 37/38